Loslassen

Man kann nur loslassen, was man festhält. Geistig wie körperlich.
Yoga als Schule des Loslassens
Das Wechselspiel von Festhalten und Loslassen ist den meisten von uns von Geburt an mitgegeben: die Hand geht auf – die Hand geht zu. Die manuelle Mobilität erweitert sich mit dem Wachstum, wir lernen diffizile Tätigkeiten wie das Schreiben mit einem Stift oder das Essen mit Messer und Gabel. Vielleicht entwickeln wir eine meisterhafte Fingerfertigkeit und werden Maler*-/ Bildhauer*-/ oder Gehirnchirurg*innen.
Patanjali schreibt in seinem Yoga Sutra Stiram Sukham Asanam – die Haltung soll gleichzeitig stabil und angenehm sein. Das richtige Spannungsverhältnis muss im Körper herrschen, um die größtmögliche Wirkung einer Asana zu entfalten. Während ich kraft meiner Muskeln meinen Körper in eine bestimmte Position im Raum bringe, achte ich darauf, dass der muskuläre Apparat nicht überspannt. Festhalten und Loslassen.
Yoga hilft mir herauszufinden, wie ich einzelne Stellen meines Körpers gezielt zur Entspannung bringen kann, während ich andere aktiviere. Es ist eine Schulung des Loslassens, mit dem Zweck, die kleinsten Verspannungen im Körper aufzuspüren und diese zu beseitigen, um somit der großen Gesamtentspannung zu dienen.
Passives und aktives Festhalten
Beobachtet man Menschen im Alltagsleben, sieht man viele Fehlhaltungen und Bewegungseinschränkungen, die einer gezielten Los-lass-Behandlung bedürften.
Passives Festhalten sind chronische Muskelverspannungen, aber auch Gewohnheiten und Verrichtungen des Alltags, die wir uns angeeignet haben. Der morgendliche Kaffee, die Pausenzigarette, das Bier nach Dienstschluss. Automatismen, die im Moment eine gewisse Befriedigung verschaffen und von denen wir wissen, dass sie auf lange Sicht unserer Gesundheit schaden. Der häufigste Satz, den ein Raucher zu einem anderen sagt ist: „Ich sollte endlich aufhören.“
Aktives Festhalten findet man dort, wo Themen weniger den Körper und mehr den Geist, den Verstand, das Gefühl betreffen. „Dieses alte Foto ist schön, es erinnert mich an den Sommer meines Lebens.“, „Ich kann das nicht wegwerfen, es ist das Letzte, dass mir von meiner verstorbenen Mutter geblieben ist.“ Wir halten an Dingen fest, die vergangen sind. Im Extremfall beginnen wir im ewigen Gestern zu leben, statt uns des ewigen Heute bewusst zu sein. Wir verlieben uns in den Zustand des Festhaltens, weil er uns in Sicherheit wiegt und uns scheinbar vor dem Unbekannten bewahrt. Was wir dabei übersehen, ist dass er uns eigentlich vom Leben abhält und zu einer echten Belastung wird. Meistens wissen wir sogar, dass es uns nach dem Loslassen besser ginge, und dennoch trauen wir uns nicht, den simplen kleinen Schritt zu gehen, die Vase weg zu werfen, das Bild der ehemaligen Liebe zu den Akten zu legen, eine Beziehung zu beenden. Ein Phantomschmerz tritt ein.
Die Schwelle zu echtem Wachstum
Die Vorstellung allein, das (möglicherweise toxische) Objekt der Begierde aufzugeben, loszulassen, verursacht einen so starken Schmerz, dass wir lieber weiter festhalten, wohl wissend, dass es uns schadet. Wir meinen bereits ein Loch an jener Stelle zu spüren, das durch nichts wieder aufgefüllt werden kann und klammern und zetern. Und bemerken nicht, dass wir die ganze Zeit an der Schwelle zu echtem menschlichen Wachstum stehen: Diesen initialen Schmerz zu überwinden, der immer größer wird, je näher wir der Klippe kommen, über die wir unser Festgehaltenes fallenlassen wollen und mutig den Schritt der Trennung zu vollziehen, den Absprung zu wagen, das ist echtes Loslassen. Echtes „Sich-Fallen-Lassen.“ Der Fallschirmspringer macht auch nur einen kleinen Schritt aus dem Flugzeug und schon fliegt er durch die Lüfte.
Ein großes Loslassen
Deshalb mein Plädoyer für die verborgene Kraft, die das Loslassen für jeden von uns bereithält. Wer ein Matchboxauto lang genug aufzieht, kann sehen, wie es, einmal losgelassen, dahinschnellt. Wer es nur festhält, wird müde und das Auto kann seine Kraft nie entfalten. Jede Sängerin lernt in ihrer Ausbildung, dass Stimme, Atmung und das Erzeugen schöner Töne immer mit dem Loslassen zusammenhängen. Wer presst und drückt wird keinen freien Ton und damit nur Missfallen bei seinem Publikum erzeugen. Die Schauspielerin kann sich selbst loslassen und sich ganz ihrer Rolle hingeben. Der Tänzer spielt mit der Schwerkraft und lässt sich durch den Raum „fallen“. Der Virtuose auf der Violine bezaubert die Massen durch sein fabelhaftes Wechselspiel von Festhalten und Loslassen der Saiten. Es ist wichtig, dass wir Menschen das Loslassen kultivieren und einen liebevollen Umgang damit finden, denn letztlich ist auch der Tod nichts anderes: Ein großes Loslassen.
